Evang.-ref. Kirchgemeinde Seuzach

Cornelia Sprenger

Pilgerwanderung 2019

Pilgern Mai 2019_4<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>seuzach-reformiert.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2</div><div class='bid' style='display:none;'>1915</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Auf dem Jakobsweg oder Camino francés in Spanien.
Am 6. Mai kamen wir 16 Pilgerinnen und Pilger wohlbehalten von unserer Pilgerwanderung zurück. Schöne Bilder, interessante Begegnungen und intensive Erlebnisse werden uns in den nächsten Wochen begleiten.
Cornelia Sprenger,
Eine Landschaft und die Mentalität ihrer Menschen zu Fuss, in Ruhe und mit allen Sinnen wahrzunehmen ist wertvoll und gräbt Spuren in unsere Erinnerungen.
Es beginnt am sehr frühen Morgen des 22. April mit dem Flug via Madrid nach Pamplona. Da sind wir Flieger und noch keine Pilger. Zwei Kleinbusse fahren uns in sehr vielen Kurven durch die Pyrenäen nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Unterwegs sehen wir mehrmals den Pilgerweg des nächsten Tages. Bei der Ankunft am Startort der diesjährigen Pilgerwanderung bestätigen etliche bleiche Gesichter, dass Pilgernde lieber zu Fuss als im Auto unterwegs sind. In der Kirche von Saint-Jean feierten wir den Abschluss der letztjährigen Pilgerwanderung mit einer Andacht. Am gleichen Ort stellen wir uns unter Gottes Schutz und Segen für die kommenden zwei Pilgerwochen. Und dann dürfen wir lospilgern, endlich zu Fuss. Da in Saint-Jean ein grosser Pilger- und auch Touristenrummel herrscht steigen wir 300 Höhenmeter aufwärts nach Honto zur ersten Übernachtung. Hier - noch in Frankreich - werden wir mit einem feinen Portwein begrüsst. So als Willkommenszeichen für Spanien das wir am nächsten Tag erreichen werden.
Von den Pilgertagen bis zum Einzug in Burgos bleiben uns in angenehmen Erinnerungen:

Der Abend in Honto mit dem Rückblick auf das französische Baskenland, welches wir im letzten Jahr durchpilgerten.
Der erste kühle Morgen mit dem steilen Anstieg auf die Pyrenäen.
Die karge Berglandschaft mit gelbblühendem Ginster.
Pferde in wetterfestem Fell auf den mageren Weiden.
Mehr Pilgernde unterwegs als bisher in Frankreich.
Letzte Schneeresten am Wegrand.
Ein sturmartiger Wind begleitet uns hartnäckig.
Deshalb sind die Marschpausen hinter schützenden Felsen kurz.
Nach der Passhöhe ein eindrücklicher Blick in die spanische Seite der Pyrenäenkette.
Eine von weitem sichtbare Wetterfront entlädt sich bevor sie uns erreicht, eine zweite geht neben uns vorbei und die dritte prasselt erst los, als wir die Herberge erreichen.
Die Klosteranlage von Ronscesvalles ist mächtig und bietet seit hunderten von Jahren Schutz und Geborgenheit.
Die grosse Klosterkirche ist angenehm geheizt und mit einem Euro geht auch das Licht an.
Da sich alle Pilgernden auf diese eine Unterkunft konzentrieren gibt es das Nachtessen in zwei Schichten. Dies wird sich nicht wiederholen, da in den weiteren Tageszielen jeweils mehrere Angebote bestehen.
Die nächsten Tage sind eher kühl und leicht regnerisch.
Die Wege aber gut zu gehen. Pflotschnass werden wir nie.
Die Landschaft der Provinz Navarra ist grün, leicht bewaldet, die Weiden mit Pferden besetzt.
In Zubiri übernachten wir an vier verschiedenen Orten und essen aber gemeinsam. So müssen einige nach dem Nachtessen in strömendem Regen heimwärts ziehen und pilgern dann zum Zmorgen wieder her.
Auch den dritten Tag gehen wir mit Handschuhen, Halstüchern und Kappen.
Dies in Spanien.
Die Vegetation ist noch zurück und viele Bäume erst kurz vor dem Austrieb.
Sind wir doch auf etwa 1000 m Höhe.
Auf dem Weg nach Pamplona begegnen uns Caballeros. Sie pilgern hoch zu Ross und kriegen ihre Blasen wahrscheinlich nicht an den Füssen.
Pamplona – baskisch Iruna - ist die Hauptstadt von Navarra.
Eine schöne und belebte Altstadt und eine prunkvolle Kathedrale.
Hier rennen jeweils die wilden Stiere durch die Gassen. Heute wird nur flaniert.
Vom französisch und italienisch her können wir einzelne Brocken spanisch verstehen. Aber Baskisch kommt uns dann schon sehr spanisch vor. Da ist nichts zu begreifen.
Der Weg nach Puente la Reina – Brücke der Königin – führt sanft obsi über einen windigen Pass, Puerto del Perdon. Deshalb steht auf der Krete ein grosser Windpark. Die Windräder sind sehr hoch gebaut, wahrscheinlich damit Don Quijote sie nicht bekämpfen kann. Ein Kunstwerk in Form einer Kette von Eisensilhouetten bildet eine lange Reihe von Pilgernden mit Eseln und Gepäck. An den wehenden Haaren, Kopf- und Halstüchern und den Mänteln ist der stetige Wind hier oben abzulesen.
Im Aufstieg begleitet uns ein kräftiger Regenbogen.
Die romanische Bogenbrücke über den Fluss Arga in Puente la Reina wurde von der navarresischen Königin Dona Mayor im 11. Jahrhundert gestiftet.
Wir singen immer wieder in Kirchen und auf Plätzen. Die täglichen Andachten geben unseren Seelen Nahrung für die Pilgerreise. Wir vertiefen uns in den 23. Psalm und den Pilgersegen für 2019. Dieser lautet:

Kraft zum Unterwegssein wünsche ich dir:
Gottes Bestärkung in deinem Leben.
Mut zur Versöhnung wünsche ich dir:
Gottes Wohlwollen in deinem Leben.
Grund zur Hoffnung wünsche ich dir:
Gottes Licht in deinem Leben.
Vertrauen zum Miteinander wünsche ich dir:
Gottes Verheissung, sein Volk zu sein.
Begeisterung zum Aufbruch wünsche ich uns:
Gottes Wegbegleitung und Segen.

Eines Abends singt eine irische Pilgergruppe im Wechsel mit uns.
So begegnen sich Kulturen
auf Sankt Jakobs Pilgerspuren.
Der Kuckuck begleitet uns jeden Tag. Manchmal führt er einen Dialog mit den Sopranstimmen unserer Pilgerinnen. Immer wieder tönt auch der helle Klang der Nachtigall Gesang. Störche klappern in ihren Nestern hoch oben auf den Kirchtürmen. Auf dem Weg nach Estella leuchtet uns der blaue Himmel und es wird schön warm. Estella, Sitz der Könige von Navarra ist reich an Baudenkmälern, Kirchen und Palästen. Die Landschaft Richtung Los Arcos wird lieblich mit Gemüsegärten und Weinbergen. Vor dem Kloster Irache finden wir den lang ersehnten Brunnen, der nebst Wasser auch Wein spendet.
Wer Wein trinkt schläft gut.
Aber es ist heute Sonntag und noch nicht einmal Mittag.
Wir verlassen das grüne Navarra und pilgern nun in Rioja. Rote Erde prägt die sanft gewellte Gegend. Weingärten, werden auf oft sehr steinigen Böden gepflegt und schöne Weine gekeltert. Die Rebstöcke sind niedrig und werden ohne Stickel und Drähte gezogen. Dazu Olivenhaine, Früchte- und Gemüsekulturen. Es weht immer ein kühler Wind. Er hat die Felder schon wieder abgetrocknet und uns wird so nicht zu heiss. In Logrono, der Hauptstadt von Rioja überqueren wir den Ebro. Gemäss Kreuzworträtseln: Fluss in Nordspanien mit vier Buchstaben. Die Pilgerwege sind breit und gut unterhalten. Vielmals sehen wir den Weg weit voraus bis zum Horizont. Dies macht uns bewusst, wie unscheinbar wir sind. Die liebliche Altstadt von Najera liegt strategisch günstig zwischen dem Fluss Najerilla und roten Felswänden der Hügelkette. In diese wurden Höhlen gehauen für Wohn- und Lagerräume. Die Stadt feiert gerade ein Mittelalterfest mit Markt und geschichtlichen Szenen. Bei Ciurena wurde zum Golfplatz ein grosses Retortendorf gebaut. Es sieht gar nicht bewohnt aus und könnte ein Opfer der Immobilienkrise sein. Im alten Dorf erwartet uns zur Mittagspause ein Openair-Konzert. Es ist ein Glaceauto, welches so sein süsses Sortiment anpreist. In Santo Domingo de la Calzada residieren wir in einem Palast und verpflegen uns gediegen in einem anderen Palast. Wir sind halt Feudalpilger. Alle unsere Herbergen und Hotels wurden sorgfältig ausgesucht. Sie gefallen uns und lassen keine Wünsche offen. Auch die seit dem Mittelalter wichtigsten Pilgerfragen nach dem WiFi-Code und dem Pilgerstempel werden immer prompt erledigt. Nebensächliches wie duschen, essen und schlafen sowieso. Pilgernde verstehen es eben seit je her Prioritäten zu setzen.
Die Kathedrale San Salvador beherbergt - als wohl einzige auf der Welt - einen eingebauten Hühnerstall mit Huhn und Güggel. Er soll an ein berühmtes Wunder erinnern.
Gegackert wird in diesem Fall
nur dort und nicht überall.

Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden.
Mit diesem Lied beginnen wir jeden Tag den einstündigen Schweigemarsch.
Schweigend die Natur erleben,
sich der Ruhe und dem Frieden ganz hingeben.
Buen Camino. Der Pilgergruss begleitet uns. Er wird unter Pilgernden ausgetauscht und uns auch von den Einheimischen zugesprochen.
Wir spüren, dass wir auf dem Camino francés willkommen sind.
Unterwegs gibt es viele Möglichkeiten zum Verpflegen oder für einen Kaffee. Unser Gepäck wird sorgfältig und zuverlässig transportiert.
Auch für marschmüde Pilgernde ist gesorgt.
Wird der Tag zu schwer,
so ruf ein Taxi her.
Innert Minuten erscheint das gewünschte Fahrzeug.
Der Weg ans Tagesziel
wird dann keinem mehr zu viel.
So, dass es für alle stimmt
und sich niemand übernimmt.
Wir sind mit Pilgernden aus vielen, zum Teil fernen Ländern unterwegs.
Koreaner, Amerikaner, Kanadier, eine junge Frau aus Taiwan sowie finnische, norwegische und australische Pilgerinnen.
Wir verlassen Rioja und sind nun in Kastilien unterwegs.
Unendlich weite Kornfelder breiten sich aus. Wie Inseln liegen die Dörfer darin. Aus den Gärten grüsst uns der Flieder mit lieblichen Düften.
In Belorado werden wir in der Kirche schweizerdeutsch begrüsst.
Eine Schweizerin und ein spanischer Senor betreuen die angebaute Herberge für einige Wochen. Von einem Felshügel sehen wir von oben in die Storchennester auf dem Kirchturm und in die weite Gegend der nächsten Tage.
Der schneebedeckte Punte Lorenzo mit seinen 2270 m begleitet uns seit den Pyrenäen. Zuerst war er weit vor uns, dann neben und jetzt schon hinter uns. Heute gegen Mittag geht es wieder bergauf. Bis San Juan de Ortega wandern wir durch einen langen Eichen- und später Föhrenwald. Am Dorfeingang erwarten uns vier Bettler mit langen Ohren die genau wissen, dass sie von den Pilgern mit hartem Brot gefüttert werden und sich mit einem freundlichen Jha bedanken. Die grosse Klosteranlage im Ort wird renoviert.
Die Spanier sind kontaktfreudig und sprechen gerne, schnell und laut.
Es gibt auch hier Ausnahmen. Auf dem letzten Passübergang vor Burgos weidet eine grosse Schafherde. Ich frage den Hirten nach deren Anzahl. Er antwortet mir mit einem Wort: Mille. Nach dieser ausführlichen Aussage wendet er sich wieder seiner Herde zu und ich ziehe zufrieden weiter.
Vor uns liegt die grosse grüne Ebene vor Burgos. Wir wandern den letzten Tag bei schönstem Sonnenschein. Die grüne Aue dem Fluss Arianzon entlang geniessen wir besonders. Beim Denkmal des Nationalhelden El Cid kommen wir in die Altstadt von Burgos zur prächtigen Kathedrale.
Es ist Samstagabend, unser Ziel ist erreicht.
Der Sonntag ist für die schöne Stadt bestimmt. Wir werden durch die grosse Klosteranlage von Las Huelgas geführt. Sie ist reich ausgestattet und wird immer noch von Nonnen bewohnt. Burgos hatte einst viele Klöster. Einige wurden umgewandelt in Hotels oder Spitäler. Die riesige Kathedrale mit unzähligen reich ausgeschmückten Kapellen ist im spitzen, gotischen Stil erbaut. Die Hauptfassade mit den beiden Türmen und dem Rosettenfenster erinnert an den französischen Stil. Es gibt aber auch Bauteile der runden maurischen Art.
Das prachtvolle Kuppelgewölbe des Vierungsturms bildet einen achteckigen Stern. Darunter hätte unsere Seuzemer Kirche samt Turm reichlich Platz.
So quasi als Modell.
Da Spanien heute Muttertag feiert, ist die Altstadt belebt mit Familien,
die Cafés gut besetzt und die Stimmung fröhlich. Vom Castello aus blicken wir nochmals zurück auf die weite Landschaft. Etwas Wehmut ist schon dabei aber auch Vorfreude auf die Heimreise.
In einer Schlussrunde vor dem letzten Abendessen schauen wir dankbar zurück auf das was uns berührt und geprägt hat in diesen Pilgerwochen. 16 Charaktere mit ihren Lebensgeschichten, ihren Stärken und Schwächen waren zu einem gemeinsames Ziel unterwegs. Sie haben dementsprechend alles vielseitig und unterschiedlich erlebt.
So kommen zahlreiche funkelnde Mosaiksteinchen zusammen und vereinigen sich zu einem leuchtenden Kunstwerk.
Oder viele farbige Fäden drehen sich zu einem bunten reissfesten Seil.
Die Busfahrt zum Flughafen von Madrid führt uns nochmals durch eine wunderbare, dünnbesiedelte Agrarlandschaft. Mit einem angenehmen Flug gewöhnen wir uns langsam wieder an das Leben nach dem Pilgern. Die Pilgertage werden uns noch lange begleiten. Viele Eindrücke sind zu verarbeiten.
Feudalpilger sind wir schon. Denn alles war – wie immer – perfekt geplant, vorbereitet, organisiert, wenn nötig improvisiert und durchgeführt.
Wir durften einfach nur geniessen im Wissen, dass für uns gut gesorgt ist.
So danken wir ganz herzlich unserem Pilgerbüro:
Verena Wolfer und Hans-Peter Mathes.
Dazu allen die zum guten Gelingen beigetragen haben. Vergälts Gott.
Wir freuen uns schon auf die Pilgerreise im nächsten Frühling.
Charlie Durscher hat uns für die Pilgerroute eine Dokumentation mit Wegbeschreibung, Landkarten und Bildern erstellt.
Seine Gedanken zum Abschluss:
Aufbruch und Heimkehr –
zwei Seiten einer Medaille,
was liegt dazwischen?
Was hat uns geprägt,
was hat an Bedeutung verloren?
Vielleicht sollten wir uns von Zeit zu Zeit
kleine Pausen schaffen, kleine Fluchten,
in denen wir wieder in die Stille eintauchen
und alles überdenken
bevor wir weitergehen auf dem Weg des Lebens.

Für die Pilgerschar: Hanspi Moser
Fotos: Hanspeter Moser, Lisbeth Rohner und Ursula Roth